Früherkennung

Mit Hilfe von Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, bei Gesunden auch Screening genannt, sollen Krebserkrankungen möglichst früh erkannt werden, um die Chance auf Heilung zu erhöhen und somit das Leben zu verlängern. So verursacht beispielsweise Prostatakrebs häufig erst dann Beschwerden, wenn er bereits sehr weit fortgeschritten und eine Heilungschance nicht mehr gegeben ist. Die Früherkennungsuntersuchungen erfolgen in der Regel in der gesunden Allgemeinbevölkerung ab einem bestimmten Alter. Daher werden letztendlich nur sehr wenige der untersuchten Menschen tatsächlich an dem entsprechenden Krebs erkranken und so von der Früherkennung profitieren. Doch die möglichen Nebenwirkungen und Folgen eines derartigen Screenings betreffen alle Untersuchten. Aus diesem Grund müssen Nutzen und Risiken sehr sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.

Dazu sollten idealerweise Studien vorliegen, die den Nutzen und die Risiken der Früherkennung überprüfen. Nur anhand derartiger Daten können Ärzte zuverlässig zu einer Früherkennung raten oder von ihr abraten. Die beiden wichtigsten Untersuchungen für die Früherkennung von Prostatakrebs sind die Tastuntersuchung der Prostata (digital-rektale Untersuchung) und die Bestimmung des PSA-Werts im Blut. Während die Tastuntersuchung in Deutschland Männern im Alter ab 45 Jahren einmal jährlich im Rahmen des gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramms von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet wird, muss die PSA-Bestimmung selbst bezahlt werden.

Tastuntersuchung

Zum Nutzen der Tastuntersuchung, mit der der Arzt Veränderungen an der Prostata – etwa eine Krebsgeschwulst – ertastet, gibt es nur unzureichende Daten. So ist beispielsweise nicht belegt, dass die Untersuchung bei Männern mit Prostatakrebs das Überleben verlängert. Die Tastuntersuchung wurde in den 1970er-Jahren ohne entsprechenden Nutzennachweis als Kassenleistung eingeführt, weil sie einfach und ohne viel Aufwand vorgenommen werden kann. Mit ihr wird jedoch nur etwa jeder dritte Prostatakrebs erkannt. Zudem stellt sich ca. ein Viertel der auffälligen Tastbefunde später als harmlos heraus.

Die Tastuntersuchung allein ist daher zur Früherkennung nicht ausreichend. Männer, die eine Früherkennung wünschen, sollten aus diesem Grund die Tastuntersuchung mit einer PSA-Bestimmung kombinieren, weil hierdurch in einer Reihe von Studien mehr Prostatakarzinome erkannt wurden als durch die alleinige Tastuntersuchung. Der Teilnehmer an der Früherkennung mit Hilfe des PSA-Werts muss aber gründlich über Vor- und Nachteile dieser Art der Früherkennung aufgeklärt sein.

PSA-Bestimmung

Das prostataspezifische Antigen (PSA) ist ein Tumormarker für Prostatakrebs. Sind die Werte im Blut erhöht, kann dies auf ein Prostatakarzinom zurückzuführen sein, jedoch auch andere Ursachen haben, etwa eine Prostataentzündung. Nutzen und Risiken des PSA-Tests sind in mehreren großen, internationalen Studien untersucht worden. Nach ihnen lässt sich durch das PSA-Screening Prostatakrebs zwar zum einen früher erkennen und daher besser behandeln, was die Sterblichkeit reduziert. Doch zum anderen haben Prostatakarzinome zum Teil eine so günstige Prognose, dass eine Behandlung nicht immer erforderlich ist. Zudem sind bei der PSA-Messung falsch-positive Ergebnisse möglich. Aus diesem Grund kann das allgemeine PSA-Screening belastende weitere Untersuchungen und Behandlungen nach sich ziehen, die ohne Screening nicht erfolgt wären.

Vor- und Nachteil der Früherkennung

Vor diesem Hintergrund hat die Früherkennung von Prostatakrebs bzw. der Verzicht hierauf folgende Vor- und Nachteile:

FRÜHERKENNUNG VON PROSTATAKREBS
Mögliche Vorteile Mögliche Nachteile
Der Tumor kann so früh erkannt werden, dass eine Heilung möglich ist. Durch die Früherkennung werden Tumore entdeckt, die keiner Behandlung bedürfen. Dadurch wird der betroffene Mann mit einer Krebsdiagnose und den Folgen einer möglichen Behandlung belastet, die er ohne Früherkennung nicht erfahren hätte.
Der früh erkannte Tumor kann so klein sein, dass eine schonende Operationsmethode möglich ist. Der früh erkannte Tumor kann nicht mehr heilbar sein. Dadurch wird der betroffene Mann früh mit dem Wissen um eine unabwendbare Erkrankung belastet.
Der früh erkannte Tumor muss vielleicht gar nicht behandelt, sondern nur aktiv überwacht werden. Das Testergebnis kann zunächst auf einen Tumor hindeuten, obwohl tatsächlich keiner vorliegt.
Der Test kann einen Tumor übersehen.
VERZICHT AUF FRÜHERKENNUNG VON PROSTATAKREBS
 Mögliche Vorteile  Mögliche Nachteile
Tumoren, die keiner Behandlung bedürfen, werden nicht entdeckt und belasten den Betroffenen nicht; keine Überbehandlung. Ein Tumor wird nur durch Zufall entdeckt oder wenn er bereits Beschwerden (Symptome) verursacht.
Tumoren, die schon zum Zeitpunkt der Früherkennung nicht mehr heilbar sind, werden erst später entdeckt. Dadurch werden betroffene Männer auch erst später mit dem Wissen um eine unabwendbare Erkrankung belastet. Der Tumor wird unter Umständen erst in einem Stadium entdeckt, in dem eine Heilung nicht mehr möglich ist.
Keine Beunruhigung durch verdächtige Untersuchungsergebnisse.  Ein spät entdeckter, weit fortgeschrittener Tumor kann erhebliche Einbußen an Lebensqualität mit sich bringen, auch wenn er nicht zum Tode führt.

Quelle: Patientenleitlinie „Früherkennung Prostatakrebs“, „Leitlinienprogramm Onkologie“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen    Fachgesellschaften e.V., der Deutschen   Krebsgesellschaft e.V. und der Deutschen Krebshilfe e.V., 2012

Aktuelle Empfehlungen

Die aktuelle Ärzte-Leitlinie zum Prostatakarzinom rät, Männer im Alter ab 40 Jahren über Nutzen und Risiken der Früherkennung aufzuklären, wenn diese noch eine mutmaßliche Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren haben. Wünschen Männer nach einem entsprechenden Aufklärungsgespräch eine Früherkennungsuntersuchung, wird ihnen eine Kombination aus Tastuntersuchung und Bestimmung des PSA-Wertes empfohlen.

Die Höhe der PSA-Spiegel im Blut wird in ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) angegeben. Findet sich ein einmalig erhöhter PSA-Wert, sollte die Messung kontrolliert werden, um einen Messfehler auszuschließen. Das Intervall zwischen den Kontrolluntersuchungen im weiteren Verlauf hängt vom PSA-Wert ab, der bei der erstmaligen Früherkennungsuntersuchung erhoben wurde. Bei Männern im Alter von 40-50 Jahren mit einem erstmaligen Wert unter 1 ng/ml sind gemäß der Ärzte-Leitlinie weitere Kontrolluntersuchungen im Abstand von vier Jahren ausreichend.

Ansonsten sollte bei einem erstmaligen PSA-Wert unter 2 ng/ml der Abstand zwei Jahre oder individuell auch länger sowie bei einem Wert über 2 ng/ml ein Jahr oder individuell auch kürzer sein. Liegt der erstmalige PSA-Wert nach entsprechender Kontrolluntersuchung bestätigt bei 4 ng/ml oder darüber, weist die Tastuntersuchung auf eine mögliche Geschwulst hin oder kommt es im Verlaufe von mehreren Früherkennungsuntersuchungen zu einem auffälligen PSA-Anstieg, wird eine Gewebeentnahme zur weiteren Abklärung empfohlen.

Durch die Gewebeentnahme lässt sich bei etwa einem von vier Männern mit einem PSA-Wert über 4 ng/ml und bei etwa zwei von vier Männern mit einem PSA-Wert über 10 ng/ml ein Prostatakarzinom nachweisen.

Quelle: In Anlehnung an Patientenleitlinie „Früherkennung Prostatakrebs“,2012, und S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms, 2011

Patientenleitlinie

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V., die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. und die Deutsche Krebshilfe haben eine evidenzbasierte Patientenleitlinie zu diesem Themenkomplex veröffentlicht:

Früherkennung von Prostatakrebs

Die Leitlinie findet sich unter: Leilinienprogramm Onkologie – Patientenleitlinien

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